Die Post in den von den Mittelmächten besetzen Teilen Rumäniens während des 1. Weltkrieges

Autor: Gerhard Hutzler

Unter Bruch eines bestehenden Freundschaftsvertrages drangen ab 27.August 1916 ohne formelle Kriegserklärung rumänische Truppen in die österreichisch-ungarischen Gebiete Siebenbürgen (damals Transsilvanien genannt) und Bukowina (damals meist Buchenland genannt) ein. Daraufhin erklärten das Deutsche Reich, Bulgarien und das Osmanische Reich an Rumänien den Krieg.(1)

Die deutsche OHL hatte diesen Angriff im Gegensatz zu den österreichisch-ungarischen Stellen erwartet und Vorbereitungen getroffen. Deshalb konnte bereits am 2. September 1916 der aus bulgarischen, deutschen und osmanischen Truppen rasch gebildetet rechte Flügel einer unter dem Befehl des preußischen Generalfeldmarschalls v. Mackensen stehenden Heeresgruppe (Südarmee")(2) die rumänische Grenze zwischen Donau und Schwarzem Meer überschreiten. Bis Mitte September wurde die gesamte nach dem 2. Balkankrieg 1913 an Rumänien gefallene Süddobrudscha erobert.(3) In der 2. Septemberhälfte griff die unter dem Befehl des Generals von Falkenhayn operierende deutsch-habsburgische 9.Armee (neu) die Rumänen von Siebenbürgen aus an.(4) Am 23.November setzte der linke Flügel der Heeresgruppe v. Mackensen über die Donau und stieß in die Walachei vor. In einer vom 1. - 3. Dezember geführten Schlacht am Arges-Fluß wurde die von russischen Einheiten unterstützte rumänische Armee geschlagen. Damit war der Weg zur Hauptstadt frei, die sich am 6. Dezember kampflos ergab.(5) Anfang Januar 1917 erreichte die Heeresgruppe v. Mackensen den Unterlauf der Donau bei Braila, die 9.Armee den Sereth. Diese Linie bildete über den am 5.März 1918 geschlossenen Vorfrieden von Buftea(6) und den am 7.Mai unterzeichneten Frieden von Bukarest hinaus bis zum Ende des Weltkrieges die Grenze zwischen besetztem und unbesetztem Rumänien. Der König zog sich mit der Regierung, einem Großteil der Behörden und den Resten der Armee hinder den Sereth in das Moldaugebiet zurück. "Vorläufiger Regierungsseitz" wurde Jassy.

Noch während der Kampfhandlungen einigten sich am 4. November 1916 die Mittelmächte über die weitere Behandlung des Landes. Dabei wurden die besetzten Gebiete in fünf "Sektoren" aufgeteilt.(7)

  • Das unter eine gemeinsame Verwaltung der vier Mächte, die "Militär-Verwaltung in Rumanien" (M.V.i.R.), kommende Gebiet, das im wesentlichen die Walachei und die Region um die Hauptstadt Bukarest, damit rund 2/3 der Fläche Rumäniens mit 2,9 Mio.Einwohnern umfaßte.(8) Die Verwaltung bestand aus Angehörigen der vier Mächte und zwar im Verhältnis 40% Deutsche, 30% Österreicher und Ungarn, 15% Osmanen und 15% Bulgaren. Damit hatten die Deutschen zwar den größten Anteil an der Verwaltung, aber nicht die Mehrheit. In diesem Gebiet war ab 1.Juni 1917 die "Landespost der M.V.i.R" tätig.(9)
    Die M.V.iR. unterstand dem aus der Südarmee hervorgegengenen Oberkommando Mackensen ("OKM"), dieses nicht wie andere Besatzungsgebiete im Westen und Osten dem deutschen Kaiser (GG Belgien und Warschau) oder dem Chef der OHL (Etappe West), sondern den "4 Obersten Kriegsherren", als die in der erwähnten Vereinbarung vom 4.November 1916 "S.M der Deutsche Kaiser, S.M der Kaiser und Apostolische König, S.M. der Großherr des Osmansichen Reiches und S.M. der König (sic! nicht Zar) von Bulgarien" bezeichnet wurden.(10)
  • Die südliche Dobrudscha, die als bis 1913 zu Bulgarien gehörend, Bulgarien wieder beanspruchte.(11) Das Gebiet wurde von den Bulgaren im Vorgriff auf den erwarteten Friedensvertrag bereits im Herbst 1916 vollständig in ihren Staatsverband zurückgegliedert.
  • Einen nördlich davon liegenden rd. 40 km breiten Korridor beiderseits der Eisenbahnlinie von der Donau zum Hafen Constanta, der als "Deutsche Etappenverwaltung (in) der Dobrudscha" (D.E.V.) bezeichnet wurde und der zur Sicherung der Versorgung der deutschen und österreichischen Truppen im Osmanischen Reich Bedeutung besaß.(12)
  • Das Verwaltungsgebiet der III. bulgarischen Armee, das die Region zwischen der D.E.V. und der unteren Donau umfaßte.(13)
  • Das von der Zivilbevölkerung weitgehend zu räumende Front- und das Etappengebiet der 9.Armee (neu) nordöstlich des Gebietes der M.V.i.R.(14)

Im Gebiet der Landespost der M.V.i.R wurden ab 1.Juni die bekannten Marken und Ganzsachen mit der Kennzeichnung "M.V.i.R" ausgegeben. Dieses Gebiet wurde im Michelkatalog von 1920 konstant bis vor kurzem unter der unzutreffenden Überschrift "Deutsche Militärverwaltung in Rumänien" aufgeführt. Vielfache Bemühungen zu einer Korektur, die u.a. von den profunden Kennern der Materie Paul Kleeberg,(15) Kurt Zirkenbach (16) und zulestzt von Franz Josef Mutter (17) ausgingen, ignorierte die Michel-Redaktion hartnäckig.(Auch andere Angaben zu den Besetzungsausgaben in Rumänien zeugen von einer fortwährenden Unkenntnis, so bei der Angabe, daß die Marken Nr. 8 - 12 für das "Gesamtgebiet" Rumänien gegolten hätten und die Marken "Gültig 9.Armee" im Operationsgebiet der Armee ausgegeben worden sein sollen.(18)

In der Süddobrudscha war nach der Besetzung der Postverkehr nur kurze Zeit unterborchen. Ende Oktober 1916 (19) erfolgte die Übernahme durch die bulgarische Post, die dafür auch auf die 1913 nach Sofia gebrachten Tagesstempel und Siegel zurückgreifen konnte. In der Süddobrudscha sollen, wenn man zeitgenössischen Berichten glauben kann, zunächst neben den bulgarischen Marken und Ganzsachen auch in geringem Umfang die vier Marken der Besetzungsausgabe verkauft worden sein. Sie waren jedenfalls dort wie auch im alten bulgarischen Staatsgebiet gültig. Bekannt geworden sind sie aus der Süddobrudscha aber bisher nur auf gemachten, an Briefmarkenhändler in Sofia adressierten Satzbriefen.

Im Gebiet der Deutschen Etappenverwaltung der Dobrudscha war die deutsche Feldpost auch für den geringen zugelassenen Postverkehr einheimischer Behörden und Firmen zuständig. Zur Verwendung kamen Germania-Marken ohne Aufdruck, wie sie bei den Feldpostämtern und - expeditionen vorrätig gehalten wurden. Quellenmaterial zu diesem Gebiet gibt es offenbar nicht. Nach Meinung des Bundesarchives / Militärarchiv in Freiburg i.Br. sind die E.V.D.-Akten beim Fliegerangriff auf das preußische Militärarchiv in Potsdam im April 1945 verbrannt.

Im Verwaltungsgebiet der III. bulgarischen Armee wurde der Postverkehr wahrscheinlich im Februar / März 1917 aufgenommen. Zur Verwendung kamen die vier bulgarischen Überdruckmarken, die im Michel-Europa-Katalog hinter Bulgarien als Besetzungsausgabe aufgeführt sind sowie bulgarische Ganzsachen ohne Aufdruck. Beide Arten Postwertzeichen wurden auch vom bulgarischen Postamt in Bukarest und der Postsammelstelle in Oltensitsa am linken Donauufer, also im Gebiet der M.V.i.R., benutzt. Eine Rechtsgrundlage für die Verwendung von bulgarischen Briefmarken ohne Überdruck ist bisher nicht gefunden worden. Solche Marken kommen aber auch auf unverfänglich wirkenden Briefen vor.

Im Etappengebiet der 9.Armee erschienen erst im Februar / März 1918, also kurz vor der Eingliederung in das Gebiet der alten M.V.i.R., die bekannten vier Marken mit dem Aufdruck "Gültig 9.Armee". Über die Berechtigung dieser Wertzeichenausgabe, die lt. unserem Verbandsprufer Hey vielfach gefälscht wurden, ließe sich trefflich streiten.

Gelegentlich sieht man in einer Ausstellungssammlung der Besetzungsausgaben für Rumänien auch die speziell für die k.u.k. Feldpostanstalten bestimmt gewesenen Marken sowie Belege osmanischer ("türkischer") Feldpostämter in Bukarest und Constanta. Diese gehören, streng genommen, jedoch nicht zu den Besetzungsausgaben.

Eine Besonderheit stellen die im Gebiet der M.V.i.R. herausgegebenen Kriegssteuer- und Portomarken dar. Sie bieten mit ihren Papier- und Zähnungsunterschieden dem forschenden Philatelisten ein ebenso interessantes wie reiches Betätigungsfeld.

Dem Sammler, der sich mit dem Gebiet befassen will, können zwei in der Neuen Schriftenreihe der Poststempelgilde e.V. erschienene Bücher empfohlen werden:

  • Manfred Althen, Die Landespost in Rumänien 1917 - 1918, Soest 2008.
  • Franz Josef Mutter, M.V.i.R. - Militärverwaltung in Rumänien, Soest 1999.
     
(1) Ulrich Cartarius (Hrsg.), Deutschland im Ersten Weltkrieg. Dokumente, München 1982, S. 211
(2) Vgl. Kriegsgliederung der Donau-Armee, in: Anlage 5 zu Erich v. Falkenhayn, Der Feldzug der 9.Armee gegen die Rumänen und Russen 1916/17, Berlin 1921.
(3) Cartarius, Dokumente (wie Anm.1), S. 224
(4) Falkenhayn, Feldzug der 9.Armee (wie Anm.2), S. 78
(5) Cartarius, Dokumente (wie Anm.1), S. 230
(6) Ebenda, S. 243
(7) Vereinbarung vom 4.November 1916. Ausfertigung für das Deutsche Reich im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes, Bonn.
(8) Ebenda, § 2.
(9) Bukarester Tagblatt, Bukarest, vom 31.Mai 1917 (MF-Ausgabe in Bayerischer Staatsbibliothek).
(10) Präambel zur Vereinbarung vom 4.November 1918, vgl.Anm. 8.
(11) Ebenda, § 3.
(12) Ebenda, § 4.
(13) Ebenda, § 5 und 6.
(14) Falkenhayn, Feldzug der 9. Armee (wie Anm. 2), S. 79-81.
(15) Paul Kleeberg, Die Landespost in Rumänien, Die Postmarke-Sammlerwoche 1926.
(16) Kurt Zirkenbach, Die Postverhältnisse während der deutschen Besetzung in Rumänien 1917 - 1918, Schweizer Briefmarken - Zeitung 1942
(17) Franz Josef Mutter, Die Landespost im besetzten Rumänien 1917 - 1918, Neue Schriftenreihe der Poststempelgilde e.V. 151, Soest 1999, S. 18 - 19: "...macht auch deutlich, daß es sich nicht um eine '"Deutsche Militärverwaltung" handelt... Es war eben eine Einrichtung der Mittelmächte, und Briefmarkensammler dieses Gebietes sollten es bei Beschriftung ihrer Sammlung berücksichtigen."
(18) Die Marken mit dem Aufdruck "Rumanien" galten nur im alten Gebiet "M.V.i.R." und im Etappengebiet der 9.Armee. Im Opertations-, also Front-Gebiet der 9.Armee konnte es keinen zivilen Postdienst geben, da dieses 'Gebiet wie in der Vereinbarung vom November vorgesehen, ähnlich dem Frontgebiet im Westen von der Zivilbevölkerung gräumt wurde. Keine Gültigkeit besaßen sie in den beiden bulgarischen "Sektoren" und im Gebiet der E.V.D.
(19) Der "Experte" P.V.Karaivanoff, Sofia, nannte in einem anläßlich der 2. Nationalen Briefmarkenausstellung in Berlin 1940 erschienenen Artikel als Ersttag der Post in "den wiedergewonnenen Gebieten" den 25.Oktober 1916,